Zu diesem Blogbeitrag hat mich eine längere Diskussionen mit einem Leser meines Blogs inspiriert. Ein paar Gedanken daraus möchte ich mit euch teilen.
Wir hören oft oder wir haben das Gefühl, dass wir eine Fremdsprache erst dann sprechen sollten, wenn möglichst gut beherrschen. Das heißt, wenn die Sätze grammatikalisch richtig sind und unsere Aussprache nahe an die eines Muttersprachlers herankommt. Grundsätzlich ist das nicht falsch, aber es verhindert auch, dass wir überhaupt anfangen zu sprechen.
Leider wird uns in Deutschland oft vermittelt, dass wir eine Sprache erst sprechen dürfen, wenn sie perfekt ist. Da gibt es einige, die ständig andere kritisieren, wenn sie in einer Fremdsprache sprechen. Da ist die Aussprache nicht richtig oder den Satz soll man anders sagen. Auch ich kenne das und ich habe lange gebraucht zu verstehen, dass da nicht jede Kritik gut gemeint ist und viele dieser Kritiker, die Sprache selbst nicht wirklich sprechen. Seltsamerweise kommt das eigentlich nie von Muttersprachlern. Hier die Frage zu stellen: „Kritisiert jemand, um zu kritisieren oder will er mir wirklich helfen?“ trennt die Spreu vom Weizen.
Als ich in der Schweiz arbeiten wollte, sagte mir eine deutsche Behörde, das geht nicht, weil ich nicht perfekt Französisch spreche. Diese Behauptung war völliger Unsinn. Erstens wollte ich in der deutschsprachigen Schweiz arbeiten, zweitens sprechen die allerwenigsten Deutschschweizer perfekt Französisch. Sie sind im Gegenteil froh über jeden, der sich einigermaßen auf Französisch verständigen kann. Und drittens wussten sie gar nicht, wie gut mein Französisch war. Da der Behördenmitarbeiter das selbst nicht sprach, konnte er es auch nicht überprüfen.
Was ist unser Ziel beim Sprachen lernen?
Das ist sicher für jeden ein anderes. Einer möchte seine Lieblingsserie im Original anschauen, ein andere ein bestimmtes Buch oder einen Comic lesen, wieder ein anderer hat vielleicht einen Partner, der Deutsch nicht als Muttersprache spricht. Viele lernen eine Fremdsprache auch, weil sie die beruflich benötigen. Das ist bei mir der Fall.
Wir sprechen auf Arbeit aktiv drei Sprachen. Das ist neben Deutsch, noch Englisch und Französisch. Und natürlich beherrschen wir nicht alle diese Sprachen auf dem Niveau eines Muttersprachlers. Viele, die bei uns Ihre Arbeitsstelle antreten, sprechen anfangs nicht einmal Deutsch. Sie lernen es während und nach der Arbeit und sind sehr stolz, wenn sie die ersten deutschen Wörter sagen können und von uns verstanden werden. Wir sind da über jedes neue Wort, jeden neuen Satz froh.
Jeder von uns hat also sein eigenes Ziel. Ich lerne eine Sprache, damit ich sie in Situationen verwenden kann, in denen ich sie benötige. Und nach den Grundlagen, habe ich sie genau für diese Situationen zuerst gelernt. Ich könnte keine Diskussion auf Englisch darüber führen, wie ein Stahlwerk funktioniert, dazu fehlt mir das technische Vokabular. Aber die Geschichte meiner Heimat erklären, das kann ich.
Sobald ihr dann die Sprache benutzt und mit ihr arbeitet, beginnt sie fast automatisch besser zu werden. Manche schauen vielleicht noch in ein Lehrbuch, belegen einen Kurs nebenbei oder fragen eine KI: „Wie kann ich das besser sagen?“ Aber irgendwann merkt man, was gut funktioniert und was weniger gut verstanden wird. So entwickelt sich ein Sprachgefühl.
Das Niveau eines Muttersprachlers werden wir aber in den seltensten Fällen erreichen. Dazu müsste man eine ganze Weile in Frankreich oder Russland wohnen. Trotzdem, unterschätzt nicht, wie positiv Menschen reagieren, wenn ihr sie in Ihrer Muttersprache ansprecht. Das geht oft problemloser, als wir es uns vorstellen.
Ein Russe mit dem du Russisch sprecht, wird so überrascht sein, dass du es überhaupt versuchst, dass er sich viel Mühe geben wird, dich zu verstehen. Meine Erfahrung ist da, umso russisch- oder französischsprachiger die Umgebung ist, umso leichter fällt das Sprechen.
Wie sprechen wir?
Natürlich ist es sinnvoll die richtige Aussprache so zu üben, dass du verständlich bist. Dafür gibt es heute unzählige Möglichkeiten. Man kann nebenbei Radio hören, sich Videos anschauen, oder man sucht sich einen interessanten Podcast bzw. ein Hörbuch. Für einzelne Wörter empfehle ich Forvo. Da könnt ihr euch jedes Wort von Muttersprachlern anhören.
Aber auch hier müssen wir uns bewusst sein. Egal wie lehrbuchmäßig wir ein Wort aussprechen, bei den meisten von uns wird man hören, dass wir aus einem deutschsprachigen Land kommen, weil wir fast immer einen deutschen Akzent haben werden. Einige Laute sind für uns schwierig, z.B.: die Nasallaute im Französischen oder die Zischlaute im Russischen. Unser Dialekt hat ebenfalls einen Einfluss auf unsere Aussprache. Ich persönlich halte das nicht für einen Fehler. Wir hören ja auch ob jemand aus Baden-Württemberg, Österreich, Sachsen oder Norddeutschland kommt.
Zum Abschluss möchte ich noch einen Satz mit euch teilen, denn ein Engländer einmal zu mir gesagt hat: „Wenn jemand Englisch mit Fehlern oder einem Akzent spricht, dann weiß ich, er spricht noch eine zweite Sprache und das ist eine mehr als ich.“
Ich würde mir wünschen, dass wir in Deutschland uns da etwas von der Schweizer Mentalität abschauen. Du sprichst ein paar Wörter Französisch, dann spreche mit unseren Kunden.
Also: Seid mutig und traut euch zu sprechen.



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